Die Zukunft des Kinos


Simon Baumann, Juni 2015

Gibt es eine Zukunft für den Schweizer Film im Speziellen und für das Kino im Allgemeinen? Simon Baumann bricht mit der Hegemonie des professionellen Pessimismus und meint ja. Der Text erschien im Juniprogramm des Kino Kunstmuseum Bern.

Irgendwann Mitte der Neunzigerjahre: Als Jugendlicher besuche ich mit Freunden eine Vorstellung von «Forrest Gump» im Kino des Nachbardorfes. Ich sitze in der vordersten Reihe auf dem Balkon und sehe die Nike- Turnschuhwerbung im Vorspann. Dazu erklingt «Little Wing» von Jimi Hendrix. Unglaublich stark! Musik und Sport waren mir damals wichtiger als Kino.

Ungefähr zehn Jahre später sehe ich Die Vogelpredigt von Clemens Klopfenstein an den Solothurner Filmtagen zusammen mit meiner neuen Freundin Kathrin. Im Saal wird sehr viel gelacht. Auch über Dinge, die gar nicht so lustig sind. Ich studiere jetzt Medienkunst und will Filmemacher werden. Ich nehme mir vor, dereinst genauso lustige Filme zu machen. Aber mit schöneren Anfangstiteln, weniger Kamerawackeln und ohne Ursula Andress.

Wiederum zehn Jahre später in einem Heuschober auf einem Bauernhof in der Nähe von Messen. Angekündigt ist unser Film Zum Beispiel Suberg. Das ländliche Publikum ist mit dem Auto angereist, eine ganze Hoschtet mit Autos zugeparkt. Nach einer Einführung des Gemeindepräsidenten sind Kathrin und ich an der Reihe. Es ist unser zweiundsechzigstes Publikumsgespräch, und wir verstehen uns inzwischen als eine Art Unterhaltungsduo, das zusammen mit dem Film von Ort zu Ort wandert. Während wir sprechen, entlädt sich ein Sommergewitter über dem Wellblechdach. Das Publikum sitzt auf Strohballen, die Stimmung ist ausgelassen und herzlich. Zehn Minuten nach Filmbeginn schaltet sich die automatische Beleuchtung ein und taucht den ganzen Heuschober in grelles Licht. Während der Film weiterläuft, schauen 200 Leute zu, wie der Bauer langsam eine Leiter hochsteigt und die Glühbirne aus der Fassung dreht.

Die Geschichte und Gegenwart des Kinos ist vielfältig. Das wird sicher auch in Zukunft so sein. Ich habe nur einen kleinen Bruchteil dessen, was Kino sein kann, erfahren oder gar verstanden. Kino ist für mich vor allem eine Möglichkeit, Empfindungen mit anderen Menschen zu teilen. Als Kunstform ist Kino wohl zeitlos und wird überdauern. Aber in welchen Situationen werden sich die Menschen in der Zukunft auf das Kino einlassen? Ich wage eine Prognose:

Bald werden alle Arthouse-Kinos in Schweizer Städten zu cinéphilen Wohlfühloasen umgebaut sein. Vergessen sind die grauen Verrichtungsboxen in Untergeschossen und die überteuerten Schokoriegel. Kino ist jetzt auch Bar, Restaurant und Treffpunkt. Ein Ort, an dem wir uns gerne aufhalten.

In zehn Jahren wird die Renaissance des Landkinos beginnen. Längst ist der Landgasthof beliebter als die Restaurant-Kette, der Dorfladen hipper als das Einkaufszentrum. Nun werden auch die Landkinos neu entdeckt. Sie werden zu gemütlichen, geschmackssicheren Abspielstätten mit eklektischem Programm umgestaltet. Das Publikum kommt in Scharen. Auch aus der Stadt.

Weitere zehn Jahre später wird der Schweizer Film erstmals mehr Kinozuschauer verzeichnen als Hollywood-Produktionen. Das Kino ist jetzt vor allem ein Ort des Austausches und zwischenmenschlicher Begegnung. Filme mit nationalem und regionalem Bezug sind am beliebtesten. Tagsüber sprechen wir mit unseren Uhren, am Abend suchen wir im Kino das Gemeinsame.

Simon Baumann ist Filmemacher und lebt in Suberg



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